Bonbons

     

    Auszug aus der Autobiographie von Alfons Meier, dem Erfinder des ersten zuckerfreien Bonbon:

    ...aus der Maschinenübernahme bei Bissig hatte ich noch zwei alte Tablettiermaschinen für die Herstellung von Dr. med. Aufdermaur Tabletten. Schon immer hatte ich an die Fabrikation eines zuckerfreien Bonbons gedacht. Das gab es damals noch nicht, und doch hatten schon viele Menschen das Gefühl, es werde zuviel Zucker gegessen. Dank einer einmaligen Idee gelang es mir, den Diabetiker-Zucker «Sorbit» zur komprimierfähigen Mischung zu verarbeiten. Dies war eine Sensation, denn bisher konnte man für das Tablettieren nur Zucker oder Traubenzucker verwenden, der vorher nass granuliert und anschliessend getrocknet wurde.

    Sorbit ist ein nicht kariogenes Produkt, das aber niemals nass gemacht werden konnte und somit nicht tablettierfähig war. Diesem chemisch veränderten Zucker wird in einem komplexen Prozess die Süsse entzogen. Dadurch ergibt sich eine Geschmacksveränderung in Richtung erfrischend und kühlend. Dies bewirkt, dass dieser neue Zuckeraustauschstoff keine Karies verursacht. Für die Bonbonfabrikation wird das Sorbit wieder stark aufaromatisiert, vor allem mit Pfefferminzölen und künstlichem Süssstoff (Assugrin).

    In unzähligen Mischversuchen mit Sorbit der Firma Hefti in Zürich ist es mir durch viele Aussiebungen des Sorbitpulvers gelungen, eine gewisse Korngrösse mit den richtigen Strukturen zu erhalten. Diese Mischung konnte man - zusammen mit anderen Komponenten wie Zitronensäure und Aromen – tablettieren. Auf meinen Tablettiermaschinen übte ich, bis ich das erste zuckerfreie Bonbon marktkonform hervorbrachte. Dabei bestand immer die Gefahr, dass die Matrize zerstört werden konnte, wenn die Mischung nicht stimmte. Ein Schaden, der je nach Anlage, Tausende von Franken gekostet hätte.

    Mein erstes zuckerfreies Bonbon stellte ich in Form von runden Tabletten her, die von Hand in Rollen ähnlich der Pefferminzrollen abgepackt wurden. Die Nachfrage war nicht gerade überwältigend. Für die Markteinführung dieses einmaligen Produktes hätte es eine schlagkräftige Werbekampagne gebraucht, doch dafür fehlte mir das Geld. Zudem musste dieses neue Bonbon auf die nicht kariogene Wirkung durch das zahnärztliche Institut Prof. Dr. Mühlemann’s in Zürich untersucht werden, was wiederum sehr viel kostete.

    Da kam ich wieder einmal mit Otto Hänsel zusammen. Ich erzählte ihm von meiner neuen Erfindung, dem zuckerfreien Bonbon, welches man in Stangen oder Rollen verpackt, vermarkten könnte. Hänsel konnte das fast nicht glauben und war ganz aufgeregt. Er schlug mir vor, mit Herrn Schindler der deutschen Firma Rachengold zusammen zukommen und diesem meine Kreation vorzustellen. Dieses Unternehmen produzierte normale, gekochte Bonbons in Stangenform, wie diese auch bei uns in der Schweiz hergestellt wurden. Hänsel hatte der Firma Rachengold schon mehrmals Maschinen geliefert, dass er dabei auch an einen Grossauftrag für sein Unternehmen dachte, war ihm bestimmt nicht zu verargen. Auf jeden Fall, meinte Hänsel, könnte die Sache mit dem ersten zuckerfreien Bonbon für alle Beteiligten zu einem guten Geschäft werden. Er arrangierte also ein Treffen im Hotel Gotthard in Zürich, wo ich Herrn Schindler von meiner Erfindung erzählte. 

    Seit Ende der 60er Jahre machte sich ein starker Trend zum zuckerfreien Bonbon bemerkbar. Ein Bonbon, wie ich es erfunden habe, hätte die allergrössten Marktchancen, wenn es wirklich keine Karies verursache, sagte Schindler. Er konnte aber kaum glauben, dass mir dieser Durchbruch geglückt sei. Sie seien doch spezialisiert auf das Tablettieren und hätten schon unzählige Versuche unternommen, doch sei ihnen in all den Jahren noch nichts in dieser Richtung gelungen. Soviel Skepsis machte mich schon ein wenig unsicher. Ich könne zwar nicht beweisen, dass mein Bonbon keine Karies verursache, sagte ich, aber ich würde mich bei Fachleuten kundig machen.

     

     

    Ich vereinbarte daraufhin einen Termin mit Prof. Dr. Mühlemann im Zahnärztlichen Institut, wo Versuche mit Lebensmitteln, die Karies verursachen, gemacht werden. Dort wurden meine Tabletten in stundenlangen Versuchen getestet, wobei den Testpersonen laufend die ph-Werte im Speichel gemessen wurden. Die Analyse kostete 1’500 Franken und ergab ein positives Ergebnis. Das Institut bescheinigte mir, dass mein neues Produkt keine Karies verursache - ich konnte die Bonbons also mit dem Prädikat «zuckerfrei» deklarieren. Dieses Resultat teilte ich Herrn Schindler mit. Er zeigte sich daraufhin sehr interessiert; ich aber fragte ihn, wie es nun weitergehen solle. Ich schlug ihm vor, mit einer ausreichenden Menge meiner Mischung, etwa 50 Kilogramm, zu ihm in seine Fabrik nach Karlsruhe zu kommen, wo wir das Produkt auf seiner Tablettieranlage herstellen könnten. Ich bot ihm an, dass Rachengold ihr bekanntes Pfefferminzbonbon nach meinem Verfahren zuckerfrei produzieren könnte.

    Von Herrn Hänsel erfuhr ich, dass Rachengold der richtige Partner für dieses Projekt wäre, denn diese Firma hätte auch genügend Mittel für eine gute Werbekampagne. Herr Schindler war begeistert. Wir vereinbarten einen Termin. Doch war er noch immer sehr besorgt, dass bei dem Versuch seine Tablettieranlage in die Brüche gehen könnte. Herr Schindler hatte natürlich keine Exzenter-Pressen, die nur eine Tablette nach der anderen presste (also ca. 80 100 Stück pro Minute) sondern moderne Rundläufer der Firma Fette, welche in einer Minute Tausende von Tabletten machte. Aber ein solcher Einsatz kostete damals ca. DM 20'000.--. Ich war mir meiner Sache absolut sicher, denn ich hatte ja meine Mischung auf meiner Anlage schon gewissenhaft und erfolgreich erprobt. Ich fuhr also mit einem 50-kg-Papiersack meiner Mischung nach Karlsruhe und war erst einmal sehr beeindruckt von den riesigen Produktionsanlagen der Firma Rachengold. Dann gingen wir ins Labor, wo uns drei weissgekleidete Herren erwarteten, und bereiteten unser Experiment vor. Ich wollte mein Pulver in die Tablettiermaschine einfüllen, doch die weissgekleideten Herren hatten Angst um ihre Anlage. Sie sagten, sie hätten schon unzählige erfolglose Versuche gemacht, und sie wollten die teure Anlage nicht für einen neuen Versuch opfern. Sorbit könne man nun einmal nicht agglomerieren und damit auch nicht zu Bonbon tablettieren. Dies sei eine Tatsache, mit der man sich abfinden müsse. Leider konnte ich keine Zusicherung machen, dass ich bei einem allfälligen misslungenen Versuch den Schaden an den Anlagen übernehmen würde. Aber ich war von meinem Produkt felsenfest überzeugt.

    Ich beschwor Herrn Schindler, mir zu vertrauen und auch selbst ein Risiko einzugehen. «Sie müssen an mich glauben», sagte ich, worauf Herr Schindler sagte: «Wir wagen es». Die Maschine wurde in Betrieb genommen und das Pulver eingefüllt. Die Spannung war gross - und dann spuckte die Maschine die Tabletten aus: sie waren hart und glänzten und alles war wunderbar. Herr Schindler machte einen Luftsprung von etwa einem halben Meter und begann lauthals zu schimpfen. Was ist denn jetzt wieder los, dachte ich. «Bin ich denn von lauter Idioten umgeben? Wie viele Jahre pröbeln wir jetzt schon an dieser Sache herum?», fragte er seine Laboranten, «In all den Jahren habt ihr nichts zustande gebracht, und da kommt so ein einfacher Mann aus der Schweiz, bringt sein Pulver, lässt die Maschine laufen, und die wunderbarsten Bonbons kommen heraus». Er wütete richtiggehend und schickte seine Fachleute fort. Mir klopfte er auf die Schulter und machte mir grosse Komplimente. Zum Glück - oder vielleicht auch nicht - hatten wir schon vorher die Konditionen ausgehandelt. Wir schlossen einen Fünfjahres-Vertrag ab und legten die Lizenzgebühren definitiv fest.

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    E575 GmbH, Weststrasse 5, 5426 Lengnau
    Vermerk: Alfons Meier, Erfinder und Unternehmer 

     © Alfons Meier